
Arkady Martine - Im Herzen des Imperiums
Die Erzählung ist fulminant und intrigenreich und obwohl hier und da die Zusammenhänge manchmal nicht direkt klar werden, werden die Fäden im Buch nach und nach zusammengezogen. Die fremde Kultur wird lebendig und interessant beschrieben, insbesonders die Dichtwettbewerbe sind ein gewisses Highlight, das sich stringent durch die Geschichte durchzieht und das Buch im speziellen ausmacht. Die Personen im Roman sind erfrischend "anders" und können durch ihren Hintergrund bestechen. Mir hat das Buch sehr gefallen!
Matthew Phipps Shiel - Die purpurne Wolke
Vom heutigen Standpunkt aus, ist Shiels Werk eher langweilig. Die Erzählung mäandert hin und her, nimmt sich selbst nicht ganz so ernst, obwohl hier und da mal ein interessanter Aspekt ins Auge fällt. Der Stil ist eher konservativ, genauso wie so manche Ansicht, seltsam so manche Blüte, die so gar nicht ins Buch passen mag.
Die Sprache dagegen ist fast schon modern und leicht poetisch, der Protagonist leidet in seiner Einsamkeit und der Verfall ist ein Aspekt, den Shiel nur dann einbaut, wenn es ihm gefällt; damals wäre das möglicherweise gar nicht aufgefallen, aber heutzutage verursacht es durchaus Kopfschütteln, wenn bspw ein Zug so ganz ohne Gleise fährt.
Qiu Miaojin - Aufzeichnungen eines Krokodils
Da spielt Malinda Lo's "Last night at the Telegraph Club" wirklich die zweite Geige. Einprägsam, wortgewaltig, und mit verbrecherischer Genauigkeit ist das Buch von Qiu Miaojin (Nachname, Vorname) eine Naturgewalt in Taiwan gewesen, die zur Befreiung der queeren Szene geführt hat.
Mit Furor beschreibt sie die innere Zerrissenheit, und formte daraus das Krokodil als inneres Monster, das auch einfach nur leben wollte; und ich erkannte darin auch meins aus der frühen Jugend, in der Selbstzweifel mich quälten und ich mich nicht traute, mit irgendwem darüber zu reden. Aber wie Jung schon anmerkt, ist der Schatten ein Teil unseres Selbst, das wir ins Unbewusste verdrängen und uns heimsucht, so wie es nicht nur La-zi in dem Roman passiert, sondern insbesonders Shuiling. Das Buch nimmt kein Blatt vor den Mund und wirkt so intensiv, dass es fast wie eine Offenbarung ist. In meiner Interpretation ist der Roman auch ein Appell, sich so zu akzeptieren, wie man ist - bevor das innere Monster sich wandelt und das sündhafte Begehren mit Selbstzüchtigung bestraft wird.
Rebecca Campbell - Arborealität: Erzählungen
Arborealität ist ein Oxymoron in diesem Buch. Auf der einen Seite gibt es die tatsächliche Klimakatastrophe, auf der anderen erfinderische Menschen, die Bäume "neu erfinden". So ist die Erzählung gleichzeitig depressiv und optimistisch. Es stellt die Schönheit und Gewaltigkeit der Natur gegenüber und lässt die Menschen auf verbrannter Erde verzweifelt um das Überleben kämpfen. Durchscheinende Lichtblicke werden fast schon poetisch und symbolisieren eine neue Menschheit, die sich mit dem Status Quo arrangieren müssen. Insgesamt ein fantastisches Buch, was trotz der freudlosen Grundstimmung trotzdem Hoffnung für die Zukunft trägt.
Lesenswert!
Thomas Preskett Perst - Varney, der Vampir oder das Fest des Blutes
Was für eine unterirdische Übersetzung! Und das ist schon geschmeichelt, als ob jemand die Gutenberg-Version einfach maschinell und ungeprüft übersetzt hätte. Da wird bspw aus "There was a tip at the door at this moment..." zu "In diesem Moment war ein Trinkgeld an der Tür..." (Kapitel 4) übersetzt. Oder ein "Well?" zu "Brunnen?" (konsequent im ganzen Buch!). Demzufolge wird es auch nicht besser. Aufgrund der teils massiven Fehler kann ich die 770 Seiten umfassende "ungekürzte" Version nicht empfehlen.
Insgesamt ist die Erzählung sehr, sehr langatmig und es gibt Wiederholungen, Erklärungen, Kommentare, Einschübe und Nonsens, der damals wohl irgendwie lustig war. Was Louis de Funès kurz mit "Nein! Doch! Oh!" audrückt, passiert hier seiten- oder kapitelweise. Die Charaktere sind eher oberflächlich trotz einiger Lichtblicke seitens Varney oder Charles, und die Klischees, die Preskett und Rymes einbauten, und immer noch seit 180 Jahren wiedergekäut werden, sind mittlerweile ermüdend.
Wer sich diese alten Groschenoper antun möchte, erste Wahl: im Original und zweite Wahl "gekürzt" und vor allem mit einem echten Übersetzer.
Ursula K. Le Guin - Die Geißel des Himmels
Es mag auf den ersten Blick vielleicht etwas langweilig klingen, aber die Prämisse des Buches ist sehr einzigartig. Die Erzählung bildet in vielen Themen ein philosophisches und psychologisches Konstrukt, was die Ausgestaltung stark beeinflusst. Je tiefer man in das Buch eintaucht, desto tiefsinniger werden die Fragen. Die Erzählung lebt von Überraschungen, die sehr geschickt eingebaut worden sind, was für mich durchaus besonders war. Auf den ersten Blick wirken die Charaktere nicht tiefgründig, aber das entwickelt sich; mag es anfangs nicht lebhaft sein, werden sie zum Ende eine Instanz der Moral, wo ihre Ansichten aufeinanderprallen - obwohl der Konflikt schon relativ früh bekannt wird.
Insgesamt aber auf jeden Fall eine Leseempfehlung.
Kommentare
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