Allgemeine Bücherrezensionen...

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    • Ausgelesen: "Meister und Margarita" von Michail Bulgakow.

      Und somit kann ich einen weiteren russischen Klassiker auf meine 'Gelesen'-Liste setzen...und einen rundum genialen noch dazu. Nicht ohne Grund wird "Meister und Margarita" von vielen Literaturexperten als wichtigster russischer Roman des 20. Jahrhunderts bezeichnet und von Legionen von Lesern als Lieblingsbuch verehrt.
      Bulgakow schrieb daran von 1928 bis kurz vor seinem Tod 1940. Der Roman gilt als unvollendet; der Autor diktierte seiner Frau in seinen letzten Lebensmonaten die ebenso letzte Fassung, welche jedoch nicht mehr wirklich bearbeitet worden ist. So finden sich im Epilog deutliche Diskrepanzen gegenüber dem Abschlußkapitel davor. Bulgakow experimentierte mit verschiedenen Abschlüssen des Romans, wodurch die Unstimmigkeiten zu erklären sind.

      Kurz zum Inhalt: Moskau, 1930. Satan erscheint mit seinen skurrilen Helfern und versetzt mit makaberen Streichen die Stadt ins Chaos. Die allmächtigen russischen Behörden sind machtlos und lediglich ein Schriftsteller, der Meister, und seine Geliebte Margarita behaupten sich und kommen dem Teufel näher...

      Der Roman ist prall gefüllt mit literarischen Anspielungen jener Zeit (am augenscheinlichsten natürlich auf Goethes "Faust"), mit nachdenkenswerten Gedanken über Religion und mit satirischen Seitenhieben auf den Machtapparat der Stalin-Ära (weswegen das Werk erst 1966 zensiert in Russland erschien). Größte Stärke des Buches sind die vielen aberwitzigen, schrägen Charaktere, die dem Leser schnell ans Herz wachsen, auch wenn sie wahrlich nicht immer zu den Guten zählen. Auch die humorvoll-bissigen Dialoge machen "Meister und Margarita" außerordentlich lesenswert. Zudem findet man hier quasi ein Buch im Buch, und zwar einige zwischengestreute Kapitel eines fiktiven Romans über Pontius Pilatus, welcher vom "Meister" verfasst wurde und wichtig für den Hauptplot wird.

      Noch ein Wort zur Neuübersetzung: Die aktuelle, preisgekrönte Eindeutschung stammt von Alexander Nitzberg, der mit seinen drei frischen Bulgakow-Übersetzungen nicht unumstritten ist, da er oft recht frei übersetzen soll. Er erklärt in seinen ausführlichen und sehr interessanten Anmerkungen am Schluß des Buches, dass er nicht immer sklavisch 1:1 den Text überträgt, sondern eher auf den Inhalt und den Sprachrhythmus Bulgakows sowie seine komplexen Wortspiele und Alliterationen eingeht und versucht, jenen in unserer Sprache gerecht zu werden. Dadurch entsteht eine ungemein pralle, sprachmächtige Version, die oft wirklich komisch ist und literarisch kunstvoll wirkt.

      Fazit: Ein unglaublich vielschichtiges Werk voller wahnwitziger Figuren, sprachlich ganz weit oben und für mich zusammen mit dem vor kurzem von mir gelesenen Über-Werk "Verbrechen und Strafe" von Dostojewskij auf meiner persönlichen "Top 10-Literaturliste" einzuordnen. Sollte man (natürlich nur sofern Interesse besteht) definitiv gelesen haben!

      Bewertung: *****++
    • Ausgelesen: "Kinder der Hölle" von John Shirley

      Also ich will ja nun hier nicht zu viel verraten, aber dieser Roman von Shirley hat mich mal wieder richtig mitgezogen. Die Grundidee war genial und was er eben daraus gemacht hatte. Besonders die Hauptfiguren konnten überzeugen. Zum einen ist da Carl Lanyard, der selbst über eine übernatürliche Gabe verfügt, diese aber seit seiner Kindheit unterdrückt und auch hier lange Zeit nichts von ihr wissen will. Dann ist da das Medium Madelaine, die wohl zu Lanyard eine gewisse Zuneigung pflegt, jedoch (ohne es vielleicht zu Beginn selbst zu merken) viel zu sehr in den Machenschaften des Bösen verstrickt ist. Und das Böse wiederum sitzt quasi wie eine lauernde Spinne tief unter der Erde der Millionenstadt, in den U-Bahn-Schächten, den Abwasserkanälen und Kellern, die eigentlich niemand mehr betritt. Dazu gibt es eine Art Geisterbestie und übel mordende Kinder.

      Das ganze hatte schon mächtig viel düstere Atmosphäre und wusste auf ganzer Linie zu überzeugen. Es gibt hier zwar auch sexuelle Anspielungen, jedoch werden diese Szenen nicht wirklich explizit geschildert, was für die damalige Zeit heute nicht ungewöhnlich ist. Für damals jedoch, als der Roman entstand, waren bereits diese Einschübe hinsichtlich der Sexualität durchaus schon ein wenig gewagt (da zündet es faktisch im Kopfkino gewaltiger). Wie gefährlich das Böse hier ist und wie umfassend es sein Netz bereits gesponnen hat, bekommt man als Leser auch erst im Laufe der Handlung wirklich mit. Zudem sollten alle die gewarnt sein, die bei einem Roman des Genre am Ende auf ein allseits rundes Happy End hoffen, oder ihren moralisch einwandfreien "Helden" benötigen, in den sie sich hineinversetzen können wie in ein kuscheliges Sofa.

      Einen Punkt Abzug gibt es hier von mir in Sachen Fehler (z.B. wenn ein Wort doppelt vorkommt), aber dieses leidige Thema dürfte hinsichtlich des APEX Verlag ja irgendwie schon bekannt sein und wird vom Verlag selbst ja auch nicht bestritten, da ansonsten wohl als Gegenargument die Kosten für die Printausgaben (und wohl auch eBooks) ja nicht gering gehalten werden können. Den Lesefluss hatten solche Fehler allerdings bei mir nur recht selten gestört, und waren auch jetzt gesamt betrachtet nicht extrem häufig anzutreffen (aber sie sind vorhanden). Man taucht aber auch ziemlich tief in die Handlung ein, so das man hier gerne im Rausch der Handlung auch manche Fehler vielleicht gerne bzw. unbewusst überliest. An dem Punkt möchte ich hier allerdings auch jetzt nicht zu Oberlehrerhaft kritisieren, schließlich haut man selber auch mal gerne Fehler in eigene Texte. ;)

      Was die Handlung von KINDER DER HÖLLE ansonsten angeht, kann ich das Buch nur wirklich jedem empfehlen. Der Gruselfaktor liegt im oberen Bereich, der Handlungsaufbau ist wirklich gut durchdacht und der Suchtfaktor (in Form: "Ich muss die nächsten Seiten unbedingt noch lesen") enorm hoch. Werde da wohl allerdings erst am kommenden Wochenende meine Rezension (für den Zauberspiegel) in die Tasten hauen können, welche ich dann nach erscheinen im Internet hier gerne verlinken werde. Vorab ist dies hier also so eine Art "Sondervorstellung" für die Festa-Gemeinde, bei der ich zum Abschluss für den Roman KINDER DER HÖLLE alle fünf Finger für eine Leseempfehlung heben kann.
      Einen Gentlemen erkennt man daran, das er einer Frau über der Kloschüssel die Haare hoch hält, bevor er selber anfängt zu kotzen.

      Ich tauge wohl nicht zum US-Präsidenten, denn mich würde es täglich in den Fingern jucken, den ultimativen roten Knopf zu drücken.

    • K. Wolfram wrote:

      Vorab ist dies hier also so eine Art "Sondervorstellung" für die Festa-Gemeinde, bei der ich zum Abschluss für den Roman KINDER DER HÖLLE alle fünf Finger für eine Leseempfehlung heben kann.
      Vielen Dank! Wird quasi als klare Kaufempfehlung verstanden und noch dieses Wochenende bestellt. Klingt übelst nach einer Geschichte, die mir sehr gut gefallen könnte. :thumbup:
      Deshalb liebe ich dieses Forum hier :D
    • Ausgelesen: "Wer die Nachtigall stört..." von Harper Lee.

      Nach der Lektüre des Buches ist mir endlich klar, warum das Werk weltweit als Klassiker gehandelt wird, es allgemeine Schullektüre ist und warum es bereits kurz nach Erscheinen mit Gregory Peck in der Hauptrolle verfilmt wurde.
      Der Roman lebt (neben dem humanitären, nachdenklich machenden und Rassismus verurteilenden Plot) vor allem durch seine vielen liebenswerten, skurrilen Charaktere, die man als Leser dermaßen liebgewinnt, dass man traurig ist, wenn man das Buch beendet hat und die kleine Welt des fiktiven Städchens Maycomb in Alabama verlassen muss. Von den Hauptakteuren Atticus, Scout (die Erzählerin der Geschichte) und Jem Finch abgesehen, sind es auch die Nebenfiguren wie Calpurnia, Dill, Sheriff Heck Tate, Miss Maudie (meine Lieblingsfigur), Tante Alexandra, Richter Taylor, Dolphus Raymond, Miss Stephanie Crawford und nicht zuletzt Boo Radley (dem ganz am Schluß eine bedeutsame Rolle zukommt), die dem gesamten Buch seinen besonderen Charme verleihen, und das ist nicht unbedingt leicht, da der Hauptplot ein eher düsteres Kapitel der amerikanischen Geschichte erzählt, nämlich den latenten Rassismus vieler Bundesstaaten in den 30er Jahren (wobei auch heute in dieser Beziehung dort nicht alles rosig ist) und der Herabwürdigung und Unterdrückung der farbigen Bevölkerung.

      Erzählerischer Höhepunkt ist natürlich die spannende und glänzend geschriebene Gerichtsverhandlung. Von diesem Moment an liest sich das Buch wie aus einem Guss; bei den ersten Kapiteln hatte ich oftmals den Eindruck, einzelne in sich abgeschlossene Kurzgeschichten zu lesen, die vom Landleben der damaligen Zeit erzählen. Dies soll keinerlei Kritik darstellen und scheint sogar zu stimmen, denn ich habe neulich in einem Artikel zur Geschichte des Buches gelesen, dass Harper Lee in der Tat zu Beginn einzelne Storys geschrieben hatte, diese jedoch vom Verlag abgelehnt wurden. Daraufhin erfand sie den Rassismusplot und formte die Geschichten zu einer großen Erzählung um, die dann schließlich zu einem unsterblichen Bestseller werden sollte.

      Besonders gefiel mir die Ich-Form, in der die Erzählerin von den damaligen Erlebnissen berichtet; gut lesbar, aufgeweckt, manchmal ein wenig altklug und häufig überraschend komisch. Schade, dass Harper Lee ihr Talent später kaum noch ausspielte, lediglich das 2015 aufgetauchte Manuskript "Gehe hin, stelle einen Wächter", welches vor "Wer die Nachtigall stört..." geschrieben worden ist, zeitlich jedoch nach dem berühmten Buch spielt, stellt ein literarisches Lebenszeichen der Autorin dar. Und auch an den Gerüchten, dass Harper Lees Jugendfreund Truman Capote maßgeblich an "Wer die Nachtigall stört..." beteiligt gewesen sein soll, ist offenbar kein Funken Wahrheit zu finden.

      Fazit: Ein absolut hervorragendes Buch, klug, höchst lesbar, unterhaltsam, nachdenklich machend, spannend, dramatisch, traurig und zugleich humorvoll. Mit Recht ein zeitloser Klassiker. Und nun kann ich mir endlich die ebenso berühmte Verfilmung anschauen, die ich mir stets verkniffen habe, weil ich er die literarische Vorlage lesen wollte...

      Bewertung: *****++
    • Dem habe ich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, dass ich mich immernoch vor dem "Nachfolger" drücke...
      „But I'm wasting my time just paying the bills
      Staying in line but catching no chills
      Living ain't living now without the thrill of doing something you love
      Dance all night till the moonlights gone
      Dive in the river with nothing on
      Follow your dreams you can't go wrong doing something you
      Something you love“

    • Ich mag Atticus so, wie er ist ;)
      „But I'm wasting my time just paying the bills
      Staying in line but catching no chills
      Living ain't living now without the thrill of doing something you love
      Dance all night till the moonlights gone
      Dive in the river with nothing on
      Follow your dreams you can't go wrong doing something you
      Something you love“

    • Ach ja, und hier nun die offizielle Rezension von mir zum Roman KINDER DER HÖLLE von John Shirley bei ZAUBERSPIEGEL-ONLINE:
      Guckst du daaaaaaaaa! ;)
      zauberspiegel-online.de/index.…r-hoelle-von-john-shirley
      Einen Gentlemen erkennt man daran, das er einer Frau über der Kloschüssel die Haare hoch hält, bevor er selber anfängt zu kotzen.

      Ich tauge wohl nicht zum US-Präsidenten, denn mich würde es täglich in den Fingern jucken, den ultimativen roten Knopf zu drücken.

    • Du bestätigst quasi meinen Eindruck zum Buch in einer ausführlichen Variante. Ich bin auch echt froh drum mir das Hardcover besorgt zu haben. Die Rechtschreibfehler, fehlenden Worte oder seltsamen Satzstellungen lassen im späteren Verlauf des Buchs nach und haben tatsächlich nicht sonderlich viel vom Genuss an der Geschichte genommen :)
    • ich les immer noch an KINDER DER HÖLLE rum...

      Ich finde die Story gut & spannend... aber es liest sich irgendwie "zäh"... ich hab jetzt nur noch knapp 100 Seiten, aber mehr als 1 Kapitel am Stück geht nicht...

      Evtl bin ich grad allgemein etwas lesefaul.. da ich auch kein "Zweitbuch" nebenbei lese...

      @K.Wolfram

      Deine Rezi les ich erst, wenn ich durch bin... nicht, dass ich mich noch selbst spoiler.
    • Beendet:

      Welch schöne Tiere wir sind von Lawrence Osborne

      Kurz und knapp: Ich bin begeistert!

      Allein die Zeichnung der griechischen Insel Hydra mit ihren snobistischen Sommergästen und Einheimischen ist mehr als gelungen.
      Man spürt die Stärke und Erfahrung des hervorragenden Reisejournalisten.

      Die vielseits beschriebene Flüchtlingsthematik ist hier, weitab vom Mainstream, Thema. Das Buch beginnt gemächlich und entwickelt
      sich zu einem Thriller der Extraklasse.

      Meine Empfehlung: Lesen!
    • Vladimir Sorokin - Manaraga


      "Manaraga" ist der neueste Roman von Vladimir Sorokin. In dieser surrealistischen Dystopie geht es um eine Zukunftswelt, in der die gedruckten Bücher von den digitalen komplett verdrängt wurden und die letzten Exemplare in Museen aufbewahrt werden. Als Nebeneffekt hat sich ein besonderer Schwarzmarkt enwickelt: Untergrund-Meisterköche lassen solche Schätze stehlen und verwenden sie (im Auftrag von dekandenten Reichen) als Brennstoffe beim Grillen, um darauf klassischen Gerichten eine besondere Geschmacksnote zu verleihen.
      Dabei hat sich jeder auf unterschiedliche Länder spezialisiert; bei dem Erzähler sind es die russischen Klassiker von Dostojewski, Tolstoi & Co., auf deren Feuer er verschiedene Gerichte zubereitet. Das ist nicht nur ein teuerer Spaß für seine Kunden (oft sind es ganz seltene Erstausgaben), sondern ist auch mit der Gefahr verbunden, dafür verhaftet und eingelocht zu werden. Alles ändert sich, als das Gerücht auftaucht, dass es eine neue Technologie gibt, mit der man die gedruckten Bücher in beliebiger Menge reproduzieren kann, ohne dass sie sich vom Original unerscheiden (also z.B. diverse Bleistift-Markierungen oder Eselsohren).
      Interessant ist dabei die Mischung aus Science-Fiction (es gibt u.a. eine weit entwickelte Nano-Technologie, künstliche Intelligenz und implantierte Chips) und Surrealismus, die in den neueren Werken von Sorokin oft zu finden ist.

      Der Autor überzeugt hier wieder mit einem ausgezeichneten Schreibstil und sehr originellen Ideen, die trotz ihrer teilweise unrealistischen Elemente unmittelbar mit unserer Realität zu tun haben. Denn im Grunde geht es um die (befürchtete) Verdrängung des gedruckten Buches durch Ebooks und um die Buchverbrennung, die in diesem Fall in einem ganz neuen Kontext verwendet wird.
      "Manaraga" entstand nach einer langen Pause, in der Sorokin sich nur auf Malerei konzentriert hatte; erst hieß es, dass er überhaupt nie wieder etwas schreiben will, doch zum Glück hat er es doch noch gemacht. Hoffentlicht wird er uns noch weitere verrückte Ideen dieser Art vorsetzen.
      Mit Bücherverbrennung hat der Autor übrigens selbst seine Erfahrungen gemacht, als seine Werke vor einigen Jahren von den Anhängern einer rechtspopulistischen russischen Organisation öffentlich verbrannt wurden.

      Für mich bleibt Sorokin (erstmal) der beste lebende russische Autor.
    • Sorokin muss ich auch endlich mal wieder lesen.
      DER ZUCKERKREML hatte mir gefallen. Im Regal stehen noch DER SCHNEESTURM, TELLURIA und DYSMORPHOMANIE.
      MANARAGA werde ich mir jedenfalls auch noch dazustellen.
      The moon will rise - The night will fall
      I hold your hand - But you let go
      The sun will shine - The snow will thaw
      All things must pass - Into the unknown

      Escaping the past by embracing the future

      Leseüberblick
    • Procyon wrote:

      Sorokin muss ich auch endlich mal wieder lesen.
      DER ZUCKERKREML hatte mir gefallen. Im Regal stehen noch DER SCHNEESTURM, TELLURIA und DYSMORPHOMANIE.
      MANARAGA werde ich mir jedenfalls auch noch dazustellen.
      Von den drei ist vor allem Telluria sehr zu empfehlen. Da lassen sich die Leute besondere Nägel in die Schädel schlagen :D
      In "Die Herzen der Vier" von 1991 gab es übrigens auch schon die gleiche Hirnfick-Technik wie später in "Header" von Edward Lee. Das ist auch mit Abstand der heftigste Roman von Sorokin.