Amélie Nothomb

  • Winterreise


    stellt einen von der Kritik nicht so gut aufgenommenen Nothomb-Roman dar, und auch das bis jetzt kürzeste Werk was ich von ihr las (mit 115 Seiten unterbietet es sogar "Den Vater töten", ich weiß nicht, ob es im Deutschen einen noch kürzeren Roman von ihr gibt als diesen hier..) -- was ich fernab von negativ meine, denn niemand kann so gut auf so wenig erzählen, enstehen lassen und vermitteln wie diese Belgierin, die mittlerweile zu meinen absoluten Lieblingsschriftsteller/innen zählt.
    Nun war ich also sehr gespannt auf "Winterreise", wo es doch anscheinend nicht so gut aufgenommen wurde. Und ich muss nach der Lektüre sagen, dass es schon kein einfaches Buch ist, aber einfach und leicht zu lesen (ohne viel darüber nachzudenken) ist eigentlich keins von Nothombs Büchern. Die Schwierigkeit liegt in diesem speziellen Falle von "Winterreise" im aus der Ich-Perspektive die Geschehnisse schildernden Hauptcharakter, dessen Ausgangssituation darin besteht, aus unverstandener und nicht funktionierender Liebe ein grausames wahnwitziges Attentat zu begehen.
    Nothomb schildert die Psyche des jungen Franzosen und all die Dinge, die zu seinem Plan führen, zwar mit gewohnter stilistischer Brillanz, das Buch ist wie immer ein Genuss in sprachlicher Hinsicht und auch ihre scharfen Dialoge und ihren sarkastischen Witz kann man hier immer wieder in Bestform bewundern.. doch mir blieben die Geschehnisse zu verworren und die Charaktere etwas zu unglaubwürdig und suspekt. Und das ist gerade deswegen seltsam und auch gerade deswegen ziemlich schade, weil es doch eigentlich Nothombs Geschichten oft auszeichnet, dass sie sehr irrwitzige, skurrile Entwicklungen zu haben und diese mit Bravour zu meistern..
    Am Ende war "Winterreise" kein Reinfall, und auf jeden Fall ein spannendes Werk; jedoch war es für mich das bis jetzt schlechteste Nothomb-Buch unter vielen, vielen Knüllern. Das darf auch mal passieren.. und, man merke: mittelmäßiges Nothomb-Buch = immer noch okayes normales Buch!
    6/10

  • Im Namen des Lexikons
    erzählt vom sonderbaren Schicksal der jungen Plectrude, die in frühster Kindheit Vater und Mutter durch sehr ungünstige und brutale Umstände verlor und ohne Wissen darüber bei einem anderen Paar aufwächst. Von ihrer echten Mutter behält sie nichts als ihren ungewöhnlichen, einem alten Lexikon entlehnten Vornamen.. und ihr Tanztalent.
    Nothomb erzählt die knackige Geschichte wieder einmal in einer überzeugenden schnellen und doch brillanten Sprache, wechselt von grandiosen Dialogen zu philosophischen Betrachtungen, und auf nicht mal 150 Seiten geht es alles sehr schnell innerhalb der Lebensgeschichte des Mädchens. Eigentlich gäbe es an "Im Namen des Lexikons" nichts auszusetzen.. doch das Ende hat mich wirklich ein wenig enttäuscht.
    Und das liegt nicht daran, dass die Autorin nicht weiß, was hier geschehen soll. Im Gegenteil, das Finale ist kühn erdacht und auf dem Papier sehr interessant. Doch hier finde ich zum ersten Mal wahrscheinlich, dass Nothomb sich ruhig etwas mehr Zeit hätte nehmen können, um zum Ganzen aufzubauen. Es wirkt gehetzt und schnell fertig geschrieben; was wirklich schade ist, wenn man in Betracht zieht, wie gut es doch inhaltlich ist.
    7/10 Punkte.. immer noch ein guter Roman, nur etwas verschenktes Potential dieses Mal :thumbup:

  • Wie immer eine gute und treffende Rezi, Blackbox! :thumbup:


    Ich mag Amélies Buch "Im Namen des Lexikons" sehr, wunderbare und skurrile Ideen zuhauf, allerdings fand auch ich das Ende zu gewollt und zu gehetzt...lag vermutlich am Abgabetermin des Manuskripts... ^^ Wirklich ein wenig schade, da der vorangegangene Plot richtig gut ist...


    Da fällt mir ein, dass ich mit Amélie Nothombs Werken ganz schön zurückhänge, ich muß mal wieder ein paar Romane von ihr lesen...ich horte ständig ungelesene Werke der Dame, damit ich stets Vorrat habe, aber ich sollte es auch nicht übertreiben... :)

  • Fünf Bücher dürfte ich noch vor mir haben beim jetzigen Stand der Übersetzungen.. :whistling:
    Zum Zurückhalten bei ein paar Nothomb-Büchern kommt für mich ja quasi schon positiv hinzu, dass mir die Diogenes-Hardcover neu einfach zu teuer sind und es erstmal ein bisschen dauert, bis es die Werke preislich okay irgendwo gibt.. So gern ich sie auch kaufen würde, 120 Seiten oder so für 20€ sind einfach nicht drin. Und muss ja auch nicht, wart ich halt ein bisschen auf die neusten Werke immer.. (Ich "brauche" bei Nothomb tatsächlich auch ausdrücklich die Hardcover; denn bis jetzt steht noch keins ihrer Werke als TB bei mir im Regal, und das sähe ja dann auf ein mal nicht mehr schön aus, das wäre ja fürchterlich :D )

  • Zum Doppellese-Nothomb-Event muss natürlich etwas gesagt werden. Also legen wir los mit


    Der japanische Verlobte
    Wieder ein autobiographisches Werk, die immer sehr interessant und gut finde. Denn Nothomb hatte ein durchaus interessantes Leben, und daraus lässt sich so einiges berichten. Dieses Buch wird dadurch noch verstärkt, dass es das Gegenstück zu ihrem hochprämierten Werk "Mit Staunen und Zittern" bildet und entgegengesetzt zu ihren elendigen Erfahrungen bei der Arbeit im japanischen Riesenkonzern die schöne Seite ihrer Zeit im Land der aufgehenden Sonne Revue passieren lässt. Schwelgend erinnernd ist die Geschichte von der in Japan gefundenen Bekanntschaft, die beinahe eine Liebe geworden wäre.. doch es ist ein ehrliches Buch, das Zusammensein ist terminiert wie die Arbeit in der Firma im anderen Buch ebenfalls, und Nothomb geht zurück nach Europa, um ihre Schriftstellerkarriere zu starten. Ein schönes Buch an vielen Stellen, ein (natürlich, wegen autobiographisch) realistisches Buch. 8/10


    So etwas wie ein Leben
    hingegen ist ein ganz anderes Buch, und es hat mir nicht so gut gefallen, wie mir ein Nothomb eigentlich gefallen sollte. Die Idee des amerikanischen fettleibigen Irakkriegs-Soldaten, der der Schriftstellerin Amélie Nothomb (hier ist es wieder fiktionalisiert autobiographisch, dieses Mal jedoch deutlich härter!) Briefe schickt und mit ihr über den Krieg und über Künstlersein korrespondiert, ist prinzipiell nicht schlecht. Doch das Buch wirkt sehr unrund in seiner Briefromanstruktur, die jedoch nicht völlig durchgezogen wird, sehr kurz ist. Es ist ein Buch der genialen einzelnen Absätze, jedoch ist es kein sehr geglückter Roman, finde ich. Das ist nicht weiterhin schlimm, es darf in einem so großen Werk wie dem von Nothomb auch mal wieder ein schwächeres Buch auftreten.. 6/10 dennoch; denn sprachlich kann Nothomb natürlich, auch bei mittelmäßiger Konzeption, gar nichts falsch machen mit ihrem feinen, perfektionierten Stil!

  • heute, an einem tag, verschlungen:
    amèlie nothomb: blaubart.
    diogenes, hc, 2014, übersetzung: brigitte große. - 143 seiten.


    von meiner großen leidenschaft für das blaubart - märchen und seinen
    varianten, habe ich hier schon häufiger berichtet, von meiner blaubart - spiegel - installation,
    von wunsch und angst, sich selbst ausgeliefert zu sein - wegen seiner neugier.
    die legion der romane, gedichte, theaterstücke, erzählungen kreisen alle um
    den möglichen ur- barbe bleu, denn die geschichte kommt ja aus frankreich.
    amèlie nothomb hat mit ihrem berauschend, herrlich komponierten text um
    saturnine, in die man sich verlieben muß, die beste neu-deutung geschaffen die ich kenne,
    wobei sie sich als kennerin der materie erweist. ihre anspielungen sind so gekonnt, eingestickt.
    eine goldene wonne.
    dies war mein dritter roman von amèlie n. , nach "die reinheit des mörders" ( meine erstlesung: 08.11.1998)
    und "der professor" (meine erstlesung: 11.02.2001). mehr MUSS folgen.
    die dialoge der diplomatentochter aus belgien (simenon läßt grüssen) blitzen in "blaubart" vor aphorismenbuntem
    tiefgang und sie ist wahrlich klug, setzt schon deutliches allgemeinwissen des lesers ( sonst tuts google ) voraus.
    sie erzählt wie eine prosa-königin, souverän...