• Aus dem Vorwort von Zwielicht Classic 13:

    Franz Kafka, Friedrich Glauser und Willy Seidel haben sich aus ihrem feuchten Grab erhoben und sich in den finsteren Ecken meiner Seele breitgemacht und so diese Ausgabe bevölkert.

    Einer von den Autoren, nämlich Willy Seidel, hat auch im wirklichen Leben düstere Seiten gehabt. Trotz dessen Sympahtien für die braune Suppe habe ich mich entschieden, Alarm im Jenseits aufzunehmen. Die Geschichte hat es verdient. Sie selbst atmet nicht diesen reallen Horror einer unwürdigen Ideologie.

    Natürlich sind Geschichten aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus immer ein wenig zwiespältig. Dort galten oft genug Farbige als Untermenschen und Frauen als minderwertig, auch wenn dies meist nur angedeutet wird.

    Der Autor hat auch eine Wikipediaseite:

    Willy Seidel – Wikipedia

    Wie seht ihr das? Sollten Autoren mit zweifelhafter/wechselhafter Geschichte wieder veröffentlicht werden oder nicht? Oder sollte man jeden Fall einzeln betrachten?

    • Offizieller Beitrag

    Wer hat denn dieses Vorwort geschrieben? Das Willy Seidel der "braunen Suppe" nahestand, hab ich noch nicht gehört - außer sein Gelöbnis zu Hitler, aber das kann man wohl als letzten Akt seines Lebens sehen, um irgendwie veröffenlichen und als Schriftsteller arbeiten zu können/dürfen.
    Also meine Frage ist: Gibt es dazu Quellen? Oder ist es einfach so auf Vermutung formuliert worden, weil es "ins Bild der Zeit passt"?

  • Wer hat denn dieses Vorwort geschrieben? Das Willy Seidel der "braunen Suppe" nahestand, hab ich noch nicht gehört - außer sein Gelöbnis zu Hitler, aber das kann man wohl als letzten Akt seines Lebens sehen, um irgendwie veröffenlichen und als Schriftsteller arbeiten zu können/dürfen.
    Also meine Frage ist: Gibt es dazu Quellen? Oder ist es einfach so auf Vermutung formuliert worden, weil es "ins Bild der Zeit passt"?

    Er hat das Gelöbnis treuster Gefolgschaft unterzeichnet:

    Gelöbnis treuester Gefolgschaft – Wikipedia

    Wie würdest du die Unterschrift denn interpretieren? Das ist doch klar eine Zustimmung zu dieser Partei. Dein Gegenargument verstehe ich natürlich auch. Man kann aber natürlich sagen, wenn jeder der Masse hinterherläuft, weil er um seinen Job bangt, ist eine Bewegung wie 1933 ein Tsunami.

    • Offizieller Beitrag

    Das Gelöbnis wurde 1933 unterschrieben, von vielen Schriftstellern, die nicht in die Zukunft schauen konnten und den Irrsinn der Nazis im Voraus erahnen konnten. Willy Seidel starb 1934 ... Das er also der "braunen Suppe" nahestand ist schon eine heftige Behauptung.
    Es kann ja sein, ich weiß es nicht, aber Belege gibt es offenbar nicht. Also darf man so etwas nicht einfach behaupten.

    Man kann aber natürlich sagen, wenn jeder der Masse hinterherläuft, weil er um seinen Job bangt, ist eine Bewegung wie 1933 ein Tsunami.

    Tja, leider war es dann auch so.

  • Das Gelöbnis wurde 1933 unterschrieben, von vielen Schriftstellern, die nicht in die Zukunft schauen konnten und den Irrsinn der Nazis im Voraus erahnen konnten. Willy Seidel starb 1934 ... Das er also der "braunen Suppe" nahestand ist schon eine heftige Behauptung.
    Es kann ja sein, ich weiß es nicht, aber Belege gibt es offenbar nicht. Also darf man so etwas nicht einfach behaupten.

    Tja, leider war es dann auch so.

    Es gab ja keine Not zu unterschreiben. Er hat ja seit 1931 kaum mehr publiziert. Da er ein Jahr später starb, kann man natürlich schauen, wie es bei seiner Schwester war und man hat eine Ahnung, welche Beweggründe da waren bzw. welcher Gesellschaftsdruck seitens Familie:

    nsdoku münchen - Beitrag

    Wenn er 1933 ein Gelöbnis veröffentlich hat er sie vielleicht auch gewählt.

    Aber unabhängig von der Formulierung oben, ist es natürlich ein passender Fall für die Eingangsfrage: Wo ist die Grenze, jemand heute nicht mehr neu zu publizieren?

  • Mal ehrlich, das Werk eines Autor ist das eine, seine politische nähe zu einer Organisation/Partei (wenn sie denn wirklich bestand) aber eine andere. Von daher sollte man den politisch gerade modernen Zeitgeist auch mal auf seine Berechtigung hinterfragen.

    Von daher bin ich für die Veröffentlichung von Werken auch seitens Willy Seidel. :thumbup:

    "Ich bin der Teufel, und was ich tue ist des Teufels Werk." (aus The Devil's Rejects)

    Et vidi in terra serpentes et scorpiones diaboli, et nomen eorum Homo

  • Erstens endete Seidels literarisches Schaffen bereits 1931, sodass er nach 1931 kein weiteres Werk mehr vollendete. Das Gelöbnis von 1933 ist also kein Ausdruck einer neuen, im Alterswerk sichtbaren ideologischen Ausrichtung, anders als es etwa bei Autoren der Fall sein kann, deren Spätwerk unmittelbar NS-affine Inhalte transportiert. Es handelt sich um eine politische Unterschrift ohne begleitendes literarisches Korrelat.

    Zweitens starb Seidel bereits im Dezember 1934, gut ein Jahr nach der Unterzeichnung. Er hat die weitere Entwicklung des Regimes, etwa die Radikalisierung ab 1935 (Nürnberger Gesetze) oder die Kriegsjahre, nicht mehr erlebt und konnte sich entsprechend auch nicht mehr literarisch oder politisch weiter zum Regime positionieren.

    Die frühen exotischen Erzählungen und Romane enthalten die für die Zeit typischen kolonialen Deutungsmuster, sind darin aber nicht spezifisch nationalsozialistisch, sondern Ausdruck eines breiteren wilhelminischen und spätkolonialen Zeitgeists, den auch zahlreiche später unbelastete Autoren teilten.

    Bei den Werken der 1920er Jahre, die sich zunehmend kritisch mit Kolonialismus auseinandersetzen, entfällt dieses Problem größtenteils, da hier bereits eine Distanzierung vom exotischen Frühwerk stattfindet.

    Die Frage einer ideologischen Belastung des Werks selbst durch NS-Nähe stellt sich bei Seidel anders als bei Autoren mit aktiver, mehrjähriger Verbandstätigkeit oder erkennbar NS-affinen Spätwerken: Es fehlt schlicht das Corpus, an dem sich eine solche Belastung nachweisen ließe. Die 1933er Unterschrift bleibt eine biografische Tatsache, die in einem Nachwort benannt werden sollte, ändert aber nichts an der Textsubstanz der publizierten Werke.

    Ich wahre stets die Beherrschung, es sei denn, es wäre vorteilhaft, sie nicht zu wahren.

    2 Mal editiert, zuletzt von Silent.Wolf (19. August 2026 um 12:26)

  • Das klingt nach eine vernünftigen Meinung.

    Ich möchte trotzdem noch etwas zufügen. Die NSDAP war schon vor der Machtergreifung eine sehr radikale Partei und das war kein Geheimnis. Und das Gelöbnis treuster Gefolgschaft haben 88 Autoren unterschrieben. Historiker schätzen die Gesamtzahl der literarisch oder publizistisch Tätigen in der späten Weimarer Republik grob auf rund 10.000 Personen.

  • mammut, das ist ein berechtigter Einwand. Gerade weil die Ideologie der NSDAP bekannt war und die überwiegende Mehrheit der Schriftstellerkollegen die Unterschrift verweigerte, stellte Seidels Entscheidung eine bewusste Minderheitenposition dar und keine erzwungene Anpassung. Dies begründet zumindest eine gewisse historische Verantwortlichkeit, die sich nicht allein durch den frühen Tod aus der Welt schaffen lässt. Gleichzeitig sollte eine differenzierte Bewertung weiterhin berücksichtigen, dass diese eine Unterschrift nicht mit jahrelanger aktiver Systemtreue oder ideologisch belasteten Werken gleichzusetzen ist.

    Ich wahre stets die Beherrschung, es sei denn, es wäre vorteilhaft, sie nicht zu wahren.

  • mammut, das ist ein berechtigter Einwand. Gerade weil die Ideologie der NSDAP bekannt war und die überwiegende Mehrheit der Schriftstellerkollegen die Unterschrift verweigerte, stellte Seidels Entscheidung eine bewusste Minderheitenposition dar und keine erzwungene Anpassung. Dies begründet zumindest eine gewisse historische Verantwortlichkeit, die sich nicht allein durch den frühen Tod aus der Welt schaffen lässt. Gleichzeitig sollte eine differenzierte Bewertung weiterhin berücksichtigen, dass diese eine Unterschrift nicht mit jahrelanger aktiver Systemtreue oder ideologisch belasteten Werken gleichzusetzen ist.

    Da bin ich bei dir. Auch das die Texte dem Zeitgeist entsprechend, aber keine hetzenden Werke sind, ist ein gewichtiges Argument. Ich denke auch, man sollte das im Kontext benennen (wie du schreibst im Nachwort), aber ältere Texte gehören zur Literaturgeschichten und sollten nicht grundsätzlich verbannt werden. Das sehe ich im Prinzip genauso.

  • Diese ganze Diskussion über diesen Autoren empfinde ich persönlich als überflüssig!

    Ich bin nach wie vor überzeugt, das bei einem entsprechenden politischem Druck Menschen immer wieder gegen ihre eigentliche Überzeugung handeln werden! Wer ist schon gerne ein Mätyrer! Speziell in unserer Geschichte haben wir viele Beispiele der Anpassung aus nur einem Grund: ich und meine Familie müssen überleben! das wird sich auch nie ändern!

  • Zum einen hast du sicher recht: Der Anpassungsdruck war real und existenziell. Wer als Schriftsteller 1933 seinen Beruf, sein Einkommen und seinen Zugang zu Verlagen behalten wollte, stand vor der Wahl, sich zu arrangieren oder ins Aus zu gehen – manchmal sogar ins Exil oder Schlimmeres. Und dein Argument mit dem Überleben der eigenen Familie ist ja auch kein abstrakter Gedanke, sondern etwas sehr Konkretes: Wer hätte schon leichtfertig seine Existenz und die seiner Liebsten aufs Spiel gesetzt?

    Trotzdem würde ich die reine Überlebens-These nicht ganz so pauschal stehen lassen. Bei vielen dieser plötzlichen Anpassungen zeigt sich bei genauerem Hinsehen oft eine Gemengelage aus verschiedenen Beweggründen: Manche hatten schon vorher konservative, nationalistische oder völkische Neigungen, die einfach keinen politischen Resonanzraum hatten, bis dieser sich 1933 plötzlich auftat. Für andere war die neue Machtkonstellation schlicht eine Chance, sich beruflich neu zu positionieren oder Konkurrenten – oft jüdische oder linke Kollegen – aus dem Feld zu drängen. Bei sehr vielen spielte zweifellos echter Druck und echte Angst die Hauptrolle, so wie du es beschreibst. Wieder andere machten mit, ohne tiefe Überzeugung, einfach aus Bequemlichkeit und mangelndem Mut, sich zu widersetzen.

    Zu deinem letzten Punkt, dass sich das "nie ändern" wird: Ich verstehe den Gedanken, und die Geschichte gibt dir in sehr vielen Fällen recht. Aber ich würde da nicht ganz so fatalistisch sein. Es gab ja immer auch diejenigen, die trotz Risiko nicht mitgemacht haben, ins Exil gingen, schwiegen oder sich verweigerten. Sie waren in der Minderheit, keine Frage. Doch ihre Existenz zeigt, dass Anpassung kein Naturgesetz ist, sondern eine Entscheidung unter Druck – eine Entscheidung, die die meisten Menschen zwar in eine bestimmte Richtung lenkt, aber eben nicht alle.

    Ich wahre stets die Beherrschung, es sei denn, es wäre vorteilhaft, sie nicht zu wahren.

  • Der Anpassungsdruck war real und existenziell. Wer als Schriftsteller 1933 seinen Beruf, sein Einkommen und seinen Zugang zu Verlagen behalten wollte, stand vor der Wahl, sich zu arrangieren oder ins Aus zu gehen – manchmal sogar ins Exil oder Schlimmeres.

    Das galt für die ganze künstlerische Branche...und wird sehr gut in dieser Dokumentation aufgezeigt:

    Die Comedian Harmonists - Sechs Lebensläufe

    Comedian Harmonists (1976) | MUBI
    Documentary about the Comedian Harmonists, a German vocal ensemble in the 20s and 30s.
    mubi.com

    Im Mikrokosmos der Gruppenmitglieder findet sich alles: Mitläufer, Exil, Schlimmeres...

    P.S.: Die spätere Kinoschnulze von Vilsmaier bitte in die Tonne treten...