Selfpublishing - ein Fluch oder ein Segen für die Leser?

  • Das Thema „Selfpublishing“ ist ja mittlerweile in aller Munde, und der Markt wird mit diesem Format förmlich zugeschüttet, so dass man als Endverbraucher ja schon fast den Überblick verliert, was nun wirklich lohnenswert ist und was nicht. Hinzu kommen viele, ich würde sie fast als „positive Freundschaftsrezensionen“ sehen, die zusätzlich pushen und vielleicht nicht gerade förderlich sind. Die Gefahr von Selbstüberschätzung ist gegeben.


    Blieben viele Talente bis dato unentdeckt, weil die finanziellen Mittel gefehlt haben, sich diesen Traum des Schreibens zu ermöglichen?
    Besteht nun auch die Gefahr, dass sich jeder der Schreiben kann, für einen „Schreiberling“ hält?


    Wie seht ihr als Endverbraucher diese Entwicklung, wie steht ihr als Leser dazu?

  • Hmm... eine schwierige Frage. Es gibt mit Sicherheit sehr viele Selfpublisher, die meilenweit davon entfernt sind, das Gelbe vom Ei zu sein und tatsächlich unter chronischer Selbstüberschätzung leiden. Außerdem sind für diese Leute alle Kritiker auch gleich Neider (manch einer mag nun wissen, von wem ich spreche, den Namen schlucke ich aber trotzdem mal runter). Die auszusortieren ist vorab beinahe ein Ding der Unmöglichkeit.


    Auf der anderen Seite habe ich bei den Selfpublishern aber auch schon ein paar echt interessante Autoren und Geschichten kennengelernt. Ich denke mal, dass die Grenze zwischen Schund und Können beim Selbstverlag ziemlich fließend ist.

  • Es wird einfach nicht mehr ausgesiebt.
    Würden manche dieser Leute ihre Manuskripte bei Verlagen einreichen, würden die Lektoren dort wahrscheinlich die Hände über den Kopf zusammenschlagen.
    Die Möglichkeiten die es heute gibt und gerade auch durch das Medium "eBook" ist es fast allen Menschen ein Leichtes, ihren Schund, aber auch ihre Genialität zu publizieren.
    Als Leser ist es da geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, Gutes vom Schlechten zu unterscheiden. Freundschaftliche Rezensionen, die weit weg sind von der Realität und mehr Lobhudelei als objektive Betrachtung sind, sind da natürlich weniger hilfreich. Aber wie will man dahinter kommen. Offene Kritik stößt auf Ablehnung, da stimme ich Sebastian zu und das ist schade. Für Lobhudeleien sind solchen Ohren immer offen, aber das Gegenteil lehnen sie stringent ab.
    Das eigentliche Problem ist nicht einmal der ganze Schund, der den Markt überschwemmt, denn auch dafür gibt es ein Klientel, sondern die richtig guten Sachen herauszufischen wird immer schwieriger.
    Und meine Lebenszeit ist nur beschränkt und ehrlich gesagt will ich mich nicht mit schlechter oder mittelmäßiger Literatur abgeben, aber leider trifft man viel zu oft darauf. :(

    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

  • Ich schließe mich mal Sebastian an. Und dann möchte ich noch anmerken, dass Selfpublisher eher selten bis gar nicht in den Genuss eines professionellen Lektors und Korrektors kommen. Denn nur so werden aus eher mittelmäßigen Werken auch schon mal echte Perlen. Ich glaube nicht, dass es Leute, die PERFEKT schreiben können, wie Sand am Meer gibt. Sie alle machen Fehler. Ich bin ganz ehrlich: Ich möchte nicht wissen, wie das Rohwerk eines weltbekannten Autors aussieht, bevor sich professionelle Leute darum kümmern :thumbdown:
    Selfpublisher haben nun eine Chance, die sie natürlich nutzen. Mit dem Blick ins Buch kann man fast überall spicken, ob sich ein Kauf lohnt oder nicht.

  • es gibt eben die Selfpublisher und die Selfpublisher...
    für die einen ist es ne Chance und für die Leser ne Bereicherung ♥ (gerade all die Dinge, die wir so nie zu lesen bekommen hätten)
    für die anderen ist es eben Selbstdarstellung beziehungsweise Selbstüberschätzung. (Ich habe selbst jemanden in meiner fb Freundesliste, den ich von früher kenne und der hat im Leben echt nichts gerissen - jetzt hat er ein Buch veröffentlicht mit irgendwelchen Selbstfindungskram und allein die ersten paar Seiten widersprechen sich schon gegenseitig und das ist einfach nur noch affig wie er sich selbst in den Himmel lobt)


    und Blick ins Buch gibt es auch nicht immer. ;)

    Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

  • wenn das buch gut ist verkauft sich das auch ohne poposchlüpferei und übertriebene werbung. das is nämlich der punkt der mir sauer aufstößt.... die überzogene werbung , die selbstdarstellung und die echt schon lachhaften vergleiche der eigenen werke mit denen von namhaften autoren ..... zu viel werbung wird schnell zur belästigung ...und da bleibt dem kleinen leser am ende nur noch die flucht ;)

  • Ein schöner Auszug von Festa-Alex aus dem "Ebook vs Print" Thread: "Da sind wir wieder beim Problem aus der Self-Publishing-Diskussion hier im Forum. eBooks lassen sich auch im Eigenverlag fast ohne Kostenaufwand produzieren und "auf die Menschheit loslassen". Damit tummelt sich dann neben viel Licht automatisch auch 'ne Menge Schatten. Schreibfehler am Fließband, unredigierte Manuskripte, Kommasetzung nach dem Zufallsprinzip ...
    Leider ist man da auch bei großen Verlagen nicht geschützt, weil dort die eBook-Konvertierung oft völlig automatisiert und ohne vernünftige Endkontrolle stattfindet. Dann werden plötzlich nach kursivierten Textpassagen Seitenumbrüche eingebaut, Kapitelübergänge verschwinden oder - am schlimmsten - anstelle von ä, ö, ü, ß und Co. tummeln sich irgendwelche kryptischen Sonderzeichen im Text."


    Ich kann ihm nur zustimmen, ich habe auch schon einige dieser Romane gelesen, und meine Fußnägel streckten sich phasenweise gen Himmel - unglaublich. ;(
    Aber, es muss ja auch nicht immer so sein....|

  • Ich bin ja seit kurzem auch so ein Self-Publisher und lese auch selbst gern mal was von Indie-Autoren. Ich finde, da gibt es wirklich viel Schrott, aber bei "ordentlich" verlegten Büchern ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Man KANN Perlen finden, und wenn das Indie-buch Mist ist, hat man wenigstens nicht zu tief in den Geldbeutel gegriffen, denn die meisten Indie-Autoren nehmen um die 2,99€ bis 3,99€, manche verkaufen sogar für deutlich weniger. Das lässt sich verschmerzen.


    Für mich selbst habe ich die Qualitätslatte sehr hoch gelegt. Ich bin wahnsinnig pingelig, was Rechtschreibung und Grammatik angeht und liefere entsprechend saubere Texte ab. Auch bei Stil, Wortwahl etc. lese ich alles hundert Mal. Für den Roman, an dem ich momentan arbeite, werde ich mir auch Beta-Leser suchen, um mich gegen Logikfallen und ähnliches abzusichern. Den Aufwand habe ich für meine Kurzgeschichtensammlung nun nicht betrieben, allerdings sind da auch ein paar Texte dabei, die so schon in Anthologien veröffentlicht wurden, also gehe ich mal frech davon aus, dass die "gut genug" sind. :-D
    Der Rest muss dann "nur noch" beim Leser ankommen und hoffentlich dessen Geschmack treffen.

  • Ein klarer Nachteil des "Self-Publisher"-Phänomens ist die unüberschaubare Zahl von Publikationen, die auf den geneigten Leser einprasseln...wie schon einige Vorredner meinten, ist es recht schwierig, dort die Spreu vom Weizen zu trennen.


    In den normalen Buchverlagen bremst der Lektor schon die weniger talentierten Schreibwütigen aus, beim Selbstpublizieren muß der Leser selbst entscheiden, was er für gut befindet und was nicht.


    Mitunter finden sich aber durchaus neue, kreative Ideen, geschrieben von Menschen, die es geschafft haben, sich nicht von bereits existierenden Büchern beeinflussen zu lassen. Umgekehrt kann einen aber auch der langjährige Bestsellerautor enttäuschen, dem auch nichts Neues einfällt und der es nur aufgrund seines Namens (der ein Selbstläufer ist) schafft, jedes Jahr mehr oder weniger die gleiche Story zu veröffentlichen.


    Dann sollte man lieber mal unbekannten Leuten eine Chance geben...

  • Was mir bei den Self-Publishern etwas sauer aufstößt, ist die zunehmende "positive Eigenrezension". Zudem kann man mittlerweile für etwas Geld von richtig kleinen "Unternehmen" positive Bewertungen kaufen. Meist 2-3 nichtssagende, aber dennoch gute Bewertungen, sehr schön derzeit bei ebooks zum Kindle auf Amazon zu sehen.
    Hinzu kommt mittlerweile noch das "Schlechtbewerten" der Konkurrenz.
    Man muss sich mittlerweile genau anschauen, wer was rezensiert hat - und insbesondere was er noch rezensiert hat - dann fällt es auf.

    "Freaks and fiddles, banjos and beasts: writing redneck horror" - Weston Ochse -

  • Thilo, da gebe ich dir Recht. Aber wenn man sich zum Beispiel die amazon Rezensionen aufmerksam durchliest, durchschaut man die Pappenheimer doch ziemlich schnell.
    Mir persönlich schmeichelt es zwar, wenn jemand, der mir wohlgesonnen ist, mit einem positiven Kommentar einen Gefallen tun will, aber es befriedigt mich überhaupt nicht, weil ich dann ja weiß, dass dieser Kommentar nicht sachlich war. Bis jetzt konnte ich derartig motivierte Freunde auch erfolgreich zurückhalten. Die sollen doch wirklich das Buch lesen und es nur dann loben, wenn es ihnen wirklich gefallen hat. Da ich selbst aber auch "knallhart" austeile, wenn ich zum Beispiel auf Bookrix anderer Leute Werke kommentiere, wissen die meisten auch, dass ich selbiges von ihnen erwarte.
    Und erst eine Rezension einer mir nicht bekannten Person, die mir dann noch etwas Positives über mein Werk schreibt, geht runter wie Öl. Nö, da dümpel ich lieber vor mich hin und warte auf ernstgemeinte Rezensionen, die früher oder später doch kommen. Ich muss davon ja auch nicht leben, zum Glück.

  • Was mir bei den Self-Publishern etwas sauer aufstößt, ist die zunehmende "positive Eigenrezension". Zudem kann man mittlerweile für etwas Geld von richtig kleinen "Unternehmen" positive Bewertungen kaufen. Meist 2-3 nichtssagende, aber dennoch gute Bewertungen, sehr schön derzeit bei ebooks zum Kindle auf Amazon zu sehen.
    Hinzu kommt mittlerweile noch das "Schlechtbewerten" der Konkurrenz.
    Man muss sich mittlerweile genau anschauen, wer was rezensiert hat - und insbesondere was er noch rezensiert hat - dann fällt es auf.

    Da musst du noch nicht einmal "positive Rezensionen" bzw. eher Kommentare kaufen. Das geht verdammt gut über Facebook hier die betreffenden Positivkommentare abzugreifen. :cursing:

    ~ ABANDON ALL HOPE YE WHO ENTER HERE ~

  • Danke Jörg, für diesen interessanten Link.
    Ja, ja, Amazon sind die Bösen - andere Verlage schauen ja nicht auf die Verkaufszahlen, veröffentlichen unbekannte Autoren mit neuen Ideen, riskieren was usw. Ich rolle müde meine Augen ...

  • @ frank
    es geht ja auch immer um die allgemeine wahrnehmung. feindbilder sind
    auch schnell aufgestellt, der umbruch durch internet u. digitalisierung
    eine deutliche geschichte.
    ohne idealismus "kleiner" verleger gäbs wohl nur noch us-mainstream,
    intellektuelles feuilleton-futter und das leider nur vermeintlich wilde
    self-publishing. auch bei letzterem gibt es perlen, aber auch jede menge
    sachen die privat, für die schublade, o.k. sind, den begriff
    autor jedoch in den abgrund ziehen...