Ted Chiang - DAS WAHRE WESEN DER DINGE

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  • Dann mal hier einen kleinen Gesamtüberblick über DAS WAHRE WESEN DER DINGE von dem wirklich sagenhaften Autor Ted Chiang.

    Nach DIE HÖLLE IST DIE ABWESENHEIT GOTTES mein zweites Buch von ihm und die zweite in Deutschland erschienene Kurzgeschichtensammlung.
    Die gut 280 Seiten beinhalten 8 gesammelte Kurzgeschichten, auf die ich hier, kurz angerissen, eingehen möchte.

    Den Anfang macht "Verstehen".
    Leon, ein junger Mann, erwacht nach einem Unfall im Krankenhaus. Seine Hirnschäden werden mithilfe eines neuen Hormons, das noch in der Testphase ist, behandelt.
    Schon bald merkt Leon, dass sich seine geistigen Fähigkeiten durch dieses Hormon fast ins Unendliche steigern.
    Was er anfangs noch als positiven Nebeneffekt der Heilung sieht, entwickelt sich nach seiner Zusage zu weiteren Tests und Einnahme des Hormons, zu Angstzuständen und Paranoia.
    Bei seiner Suche nach weiteren "Patienten", findet er jemanden, der dieselben Fähigkeiten besitzt und er muss sich entscheiden, ob er diese zum Guten oder Schlechten einsetzen will.

    Hier bereitet Chiang den roten Faden vor, der sich durch so ziemlich alle Stories des Bandes zieht. Künstlich erschaffene Intelligenz und deren Vor- oder auch Nachteile.
    Das beschriebene Hormon wäre ein Segen für die moderne Medizin im Kampf gegen Krankheiten wie Alzheimer oder auch Parkinson, bzw gegen alle Krankheiten die von einem geschädigten Gehirn herrühren.
    Aber auch ein Fluch, da es eben dafür missbraucht werden kann um beispielsweise von Chiang angedeutete Supersoldaten zu erschaffen.

    "Geteilt durch Null"
    Die Story fand ich super, weil ich selbst schon oft über das Thema nachgedacht habe.
    Eine Mathematikerin findet heraus, dass alle Zahlen gleich sind...egal, welche Rechnung man aufstellt.
    Damit widerlegt sie die gesamte Mathematik, wie wir sie kennen und stellt das ganze Leben infrage, auch ihr eigenes.

    Dieses Szenario schwirrt des öfteren durch meine Gedanken. Was würde wohl passieren, wenn man plötzlich zu der Erkenntnis kommt, dass die Mathematik reine Theorie ist, die man widerlegen kann? Es baut alles auf ihr auf, die gesamte Zivilisation.
    Mehr würde mich natürlich interessieren was passieren würde, wenn man entweder die Existenz oder schlimmer noch, die Nichtexistenz Gottes beweisen könnte.
    Was geschieht, wenn man den Menschen ihren Glauben nimmt, ihre Hoffnung? Oder eben den Beweis liefert, dass es einen Gott gibt?

    "Zweiundsiebzig Buchstaben"
    Eine auch sehr interessante Geschichte über das Erschaffen künstlicher Wesen...nach dem Vorbild der Golems aus dem Hebräischen.
    Zuerst kleine Apparate, die die Menschen in ihrem Schaffen unterstützen sollen. Mithilfe verschiedener Namen aus 72 Buchstaben erstellt, können diese Apparate die verschiedensten Aufgaben übernehmen. Sie werden immer feiner und fähiger.
    Wissenschaftler finden ausserdem heraus, dass der Mensch nach einer gewissen Periode aufhört, sich fortzupflanzen und um der Auslöschung der Menschheit entgegenzuwirken, wollen sie mit ihrem Wissen um die künstlichen Helfer dieses auf die nächsten Generationen Mensch übertragen.
    Aber wie perfekt/unperfekt soll diese neue Menschheit werden?

    "Die Evolution menschlicher Wissenschaft"
    Metamenschen, ein nächster Schritt der Evolution beherrschen die Wissenschaft in ihrem Datennetz. Doch was passiert mit dem "alten" Wissen und wie entwickelt sich die "neue", wenn nur noch eine Spezies Zugriff darauf hat?

    "Die Wahrheit vor Augen"
    Oh...auch sehr gut.
    Durch einen neurologischen Fehler gibt es Menschen, die Gesichter nicht unterscheiden können. Für sie sehen alle Mitmenschen gleich aus. Kein Schön, kein Häßlich - Kein Neid, kein Mobbing.
    Diese Menschen, für die es wirklich nur auf das Wesen anderer und nicht ihr Aussehen ankommt, schließen sich zu Kommunen zusammen.
    Als Forscher diesen neuronalen Fehler finden und behandeln können, dürfen die Betroffenen entscheiden, ob sie sich behandeln lassen oder nicht. Aber dabei bleibt es nicht.
    Die Forschung geht weiter und gibt den Menschen die Möglichkeit, dieses Hirnareal zu aktivieren, bzw deaktivieren.
    Natürlich teilt sich durch diese Möglichkeit die Bevölkerung in zwei Lager.

    Und wieder stellt sich die Frage, wie weit die Wissenschaft gehen darf. Hier geht es soweit, dass man einzelne Hirnareale an-und ausschalten kann, wie man will.
    Schaffe ich damit den perfekt hörigen Menschen?

    "Was von uns erwartet wird"
    Drei Seiten, die mich wirklich haben grübeln lassen.
    Ein kleines Gerät erscheint. Nur eine Taste und eine Leuchte.
    Das perfide daran ist, dass einen Sekundenbruchteil bevor man die Taste drückt, die Lampe anfängt zu leuchten.
    Hat der Mensch einen freien Willen?
    Macht einen sehr nachdenklich die Frage.

    "Der Lebenszyklus von Software-Objekten"
    Diese Story hat mich, als ehemaligen Onlinespieler, am meisten angesprochen. Und in einigen Szenen habe ich mich auch wiedergefunden.

    Eine Firma stellt Avatare für Onlinewelten her. Intelligente und damit lernfähige Avatare.
    Die ehemalige Tierpflegerin Ana wird in eine dieser Firmen angestellt, um mit den Avataren zu arbeiten. Schnell gewöhnt sie sich an sie, aber genauso schnell veraltet die Technik. Immer neue Firmen bringen immer bessere Avatare und Welten heraus. Aber was passiert mit den alten, an die sich die Menschen so gewöhnt haben, dass sie kaum noch Realität und virtuelle Welten unterscheiden wollen und können?
    Ehen und Beziehungen gehen zu Bruch, weil für einige ein paar Pixel mehr bedeuten als Fleisch und Blut. Es werden ethische Grenzen überschritten, nur um das beste für diese Pixel zu veranstalten.

    Diese Story hat mir echt ein paar Dinge eröffnet, die ich nach der ganzen Zeit in Onlinewelten abnicken kann.

    Zu guter Letzt haben wir da noch "Daceys vollautomatisches Kindermädchen".
    Dacey, ein Grammophonbauer und Vater im viktorianischen England, verzweifelt an den Fähigkeiten seiner zahllosen Kindermädchen. Niemand kommt mit seinem Sohn klar und er beschließt, einen Automaten zu erschaffen, der sich, von ihm selbst programmiert, um seinen Nachkommen kümmert.
    Der Junge zeigt mit der Zeit Merkwürdigkeiten und kann nur noch in der Nähe seines "Kindermädchens" so verhalten, wie es die Gesellschaft verlangt.
    Wie sehr wirkt sich auf einen Heranwachsenden aus, von wem oder was er aufgezogen wurde?


    Gesamt gesehen wiedermal ein sehr gelungenes und vor allem anspruchsvolles Buch.
    Und bitte nicht vom Begriff "Science Fiction" abschrecken lassen...hier gab es kein einziges Raumschiff oder fremden Planeten...Aliens schon gar nicht :P

    Wer etwas intelligente, tiefgründige und philosophische Kost vertragen kann, ist mit Ted Chiang bestens bedient.

    Von mir klare 5 von 5 Wertungspunkte.
    The moon will rise - The night will fall
    I hold your hand - But you let go
    The sun will shine - The snow will thaw
    All things must pass - Into the unknown

    Escaping the past by embracing the future

    Leseüberblick

    2,128 times read

Comments 4

  • Creed -

    Sehr gute, ausführliche und interessante Rezi, Procy! Chiang wird ständig interessanter für mich...

    • Procyon -

      Danke. Angstschweiß klebt an meinen Händen, da ich grad immense Probleme mit Lappi+Bluescreen habe :D Aber ging ja nochmal gut ;)

    • Blaine -

      Schön, dass hier noch jemand anders außer mir den Blog zu füllen weiß :D

    • Procyon -

      Ab und zu gibt Bücher, die es wert sind, mehr als nur zwei Sätze als Bewertung zu bekommen. Nah, ich versuchs wieder häufiger zubmachen ;)